1. Akt
Sie wandte den Blick als erste ab.
Als sie eines Abends im Café saßen, bemerkte er zum ersten Mal, dass ihr flackernder Blick unstet durch das gedrängt volle Lokal wanderte.
Er versuchte, sie enger an sich zu ziehen. Er war den ganzen Tag um sie.
Je stärker er sie zog, umso deutlicher spürte er ihren Widerstand.
Schließlich verlangte sie Zeit für sich selbst. Einen Vormittag in der Stadt. Einen Abend.
"Wir müssen uns doch nicht jeden Tag sehen."
"Aber Ine…"
"Du klammerst in letzter Zeit so schrecklich."
"Weil du mir immer mehr ausweichst."
"Weil du mich verfolgst. Mit deinen Blicken. Mit deiner ganzen Person."
Er bekommt nun wirklich Angst, sie zu verlieren. Sie ist alles für ihn. Er hat Angst davor, alles zu verlieren.
Sie spürt seine Angst. Sie sieht nicht mehr das, in das sie so sehr verliebt war. Sie sieht nur seine Unsicherheit.
Sie lässt die Abstände zwischen den Treffen größer werden.
"Wenn wir nicht zusammen sind, Ine, triffst du dich dann mit anderen?"
"Was für eine seltsame Frage!"
"Und eine seltsame Antwort."
"Erinnerst du dich an Orpheus und Eurydike? Er verliert sie, weil er sie zu sehr liebt. Er verliert sie, weil er sich nach ihr umschaut."
"Tragisch…"
"Aber logisch, Morten. Verstehst du das nicht?"
"Liebe ich dich zu sehr?"
Jetzt überkommt sie der Zorn.
"Die Frage kannst du dir wohl selbst beantworten. Wir können doch nicht den ganzen Tag hier herumliegen und vögeln."
"Vögeln, Ine? Vögeln nennst du das?"
"Jetzt spiel nicht den Jammerlappen!"
Einige Wochen vergehen. Sie sehen sich noch seltener. Und wenn sie sich treffen, will sie nicht immer mit ihm schlafen.
Er streckt die Hand nach ihr aus. Sie weicht zurück. Er sehnt sich nach ihr.
Und dann kommt der Bruch:
"Ich glaube, wir lassen das, Morten. Jedenfalls für einige Zeit."
"Ine, Ine!"
Er will sie in den Arm nehmen. Sie weicht aus.
"Also habe ich doch recht. Du hast mich nicht geliebt."
"Du hast Recht bekommen…"
"Hast du die ersten Wochen vergessen? Erinnerst du dich noch an "Tosca"?"
"Wir reden in einem Monat weiter. Abgemacht, Morten?"
"Du stellst hier die Bedingungen… Wenn du mich bitten würdest, zwei Jahre zu warten, dann würde ich eben zwei Jahre warten. Ich glaube an uns."
"Ich begreife nicht, wie du dir so sicher sein kannst."
"Bist du hier nicht eher diejenige, die sich ganz sicher ist?"
Zögerte sie jetzt? Irgendetwas in ihrer Miene hatte sich verändert.
"Bleibst du heute Nacht?"
"Ich weiß nicht…"
"Wir können ja sagen: Wir schlafen zum letzten Mal miteinander…"
Er wandert durch die Stadt und sehnt sich nach ihr. Er kämpft um sein Leben. Er schreibt ihr. Das hat sie ihm erlaubt. Doch sie antwortet nicht. Jeden einzelnen Tag antwortet sie nicht. Sie ruft auch nicht an. Den ganzen Tag nicht. Und sie klopft nicht an seine Tür. Jeden Abend klopft sie nicht an seine Tür.
Er schreibt Gedichte an sie:
…gefangen in einem Märchen
nur zu zweit fanden wir den Weg hinein
gefangen in einem Gobelin
den wir beide gemeinsam webten
isoliert von allem
mit einer Sprache, die nur du und ich verstehen
Was sie auch tat, sie dachte dabei immer an ihn. Er hatte sich in ihrem Gehirn festgesetzt.
Sie arbeitete an sich. Dann lernte sie einen anderen kennen. Einen alten Freund von Morten. Witziger Zufall…
Sie hatte das Gefühl, den Mächten des Schicksals ausgeliefert zu sein. Nun musste sie fort von ihm. Für eine Weile jedenfalls…
Ine kühlte sich im gleichgültigen Spiel mit dem anderen ab.
Ein Monat vergeht. Dann treffen sie sich in einem Café.
"Ich habe dir lange Briefe geschrieben, Ine. Wollten wir uns nicht schreiben?"
"Es ist wirklich aus, Morten. Ich möchte dich gern als Freund behalten, aber…"
"Aber?"
"…ich bin jetzt mit einem anderen zusammen. Mit Magnus."
Er sieht sie an. Er resigniert. Er spürt, dass seine Zeit abgelaufen ist. Er erhebt sich. Er streichelt zärtlich ihren Arm und geht.
"Morten! Warte, Morten! Ich habe noch nicht alles gesagt!"
Er hat sie losgelassen. Er hält sie jetzt nicht mehr im Arm. Sie ist frei.
Und da geht ihr auf, dass sie ihn liebt.
Sie springt auf und rennt ihm nach. Doch Morten ist verschwunden. Sie geht zu ihm nach Hause. Aber Morten ist nicht da.
2. Akt
Er ist hypnotisiert. Er ist verzaubert. Von Ine. Sie ist der Mittelpunkt der Welt. Es gibt nur eine Frau.
Ine, Ine!
Die Welt ist so schön wie zuvor. Die Farben, die Geräusche und die Düfte, die sie ihn entdecken gelehrt hat. Er saugt es alles in sich auf.
Er hat geliebt, er hat Ine geliebt!
Er geht durch die Stadt. Er glaubt, in der Menschenmenge ihren Rücken zu erkennen. Er sieht sie auf dem Fahrrad. Er sieht sie dort drüben aus der Straßenbahn aussteigen. Aber es ist nicht Ine. Überall sieht er nicht Ine. Ine ist überall verschwunden.
Er ist traurig, aber nicht unglücklich. Eigentlich hat er großes Glück gehabt. Er hat im Märchen gelebt. Er ist Ines Geliebter gewesen. Wie viele können das schon von sich sagen? Jetzt ist das Märchen zu Ende. Morten beschließt zu sterben. Und zwar in Rom. Dort hat alles angefangen. Dort hat Europa angefangen. Dort haben Ine und Morten sich kennen gelernt. Sie war mitten in sein Leben gestürzt. In Sant' Andrea della Valle. Im gelben Kleid. So heftig, so schön… Sie kam von "Sterne-Reisen". Er von "Tjaereborg".
Er geht in die Bank und hebt sein Studiendarlehen ab. 16 000 Kronen. Er tauscht 200 000 Lire ein. Den Rest kann er in Rom wechseln. Da bekommt er einen besseren Kurs. Was einige Tage zusätzlich bedeutet.
Morten überstürzt nichts. Zuerst will er noch ein paar Tage für sich haben. Er will in Rom leben, bis sein Geld zu Ende ist…
Er geht ins "SAS-Hotel" und bucht seinen Flug. SK 457 von Fornebu nach Kopenhagen, am nächsten Morgen um 10.20 Uhr. Mit "Alitalia" ab Kopenhagen um 13.40 Uhr. AZ 396.
Er gibt einen falschen Namen an. Jetzt heißt er Marius Inestad.
Er geht nach Hause und holt seinen Pass. Einige Hemden und etwas Unterwäsche hat er schon in eine Tasche gepackt. Er braucht ja nicht mehr viel…
September. Aber in Rom ist jetzt Sommer.
Er treibt sich die ganze Nacht draußen herum. Zuerst schreibt er den Brief. Dann nimmt er Abschied.
Ine weint.
Ine versucht die ganze Nacht, Morten anzurufen. Ine klopft am nächsten Morgen früh an seine Tür. Dann geht sie nach Hause. Dann öffnet sie den Briefkasten. Dann macht ihr Herz einen Sprung, als sie seinen Brief sieht. Sie ist so erleichtert. Sie ist so glücklich und froh. Ein Brief von Morten!
"Liebe, einzige Ine! Ich verdanke dir so unendlich viel. Es ist nicht deine Schuld, dass mit uns Schluss sein musste, und auch nicht meine. Es musste einfach ein solches Ende nehmen. Es ist wahr: Ich habe dich zu sehr geliebt.
Wenn du diesen Brief liest, bin ich verschwunden. Ganz verschwunden, Ine. Du musst versuchen, das zu verstehen. Von heute an gibt es mich nicht mehr. Auf diese Weise werde ich immer dir gehören.
Ich habe mit dir so unendlich viel mehr erlebt als in den fünfundzwanzig Jahren, bevor ich dich kannte. Kannst du das verstehen?
Du darfst nicht glauben, ich wollte dir einen Vorwurf machen, Ine. Ich empfinde nichts als Dankbarkeit. Wie eine tosende Welle, die sich über den Strand ergießt.
Lebe, Ine! Dann lebe ich selbst auch, in anderer Form. In dir gibt es mehr von mir als in mir selbst.
PS. Verbrenne diesen Brief. Und stell keine Nachforschungen an. Ich versichere dir, dass ich nicht mehr da bin, wenn du diese Zeilen liest. Ich werde ganz und gar verschwunden sein, Ine, das musst du mir glauben. Meinen Körper werden sie nicht finden. Ich bin wie ein Tier. Ich verstecke mich, wenn ich weiß, dass das Ende gekommen ist.
Nimm diese Worte als letzten Gruß von mir. Als zärtliches und aufrichtiges Lebewohl."
Sie bricht zusammen. Sie rennt hinauf in ihre Wohnung und wirft sich aufs Sofa.
"Morten, Morten!"
Sie glaubt jedes Wort in diesem Brief. Sie kennt Morten. Sie liebt ihn ja. Sie ist vor Schreck wie erstarrt.
"Ein Missverständnis", murmelt sie. "Es war ein Missverständnis…"
Inzwischen landet sein Flugzeug in Kopenhagen. Niemand hat seinen Pass sehen wollen. Er wurde einfach durchgewunken.
Niemand weiß, wo Morten steckt. Niemand weiß, dass er lebt. Wie leicht es war, seiner fünfundzwanzig Jahre alten Identität zu entkommen! Wie leicht es war, zum Nicht-Individuum zu werden!
Marius Inestad wartet in der Transithalle von Kastrup. Er geht zum Ausgang 26 und reicht einer brünetten Italienerin seine Bordkarte.
Er mischt sich unter die vielen italienischen Geschäftsleute. Er könnte auch einer von ihnen sein. Er würde sicher als junger Geschäftsmann aus Florenz durchgehen.
Die Stewardess bietet ihm italienische Zeitungen an. Grazie!
Sobald er in Rom angekommen ist, kann er seinen Pass wegwerfen.
Sie bleibt nicht lange weinend auf dem Sofa. Sie zeigt dem anderen den Brief.
Zuerst erklärt sie ihre Beziehung zu Morten. Sie hätten ein kleines Techtelmechtel gehabt. Jetzt ist es vorbei. Sie wolle ihn aber gern als Freund behalten.
"Glaubst du, er hat es getan, Magnus?"
"Unmöglich ist das jedenfalls nicht."
"Wir müssen ihn als vermisst melden."
"Er hatte keine Familie."
"Hatte?"
"Er hat keine. Eltern sind schon seit Jahren tot. Er war ein Einzelkind…"
"War?"
Sie gehen zur Polizei. Legen den Brief vor. Erzählen, was sie über Morten Dåsvann wissen…
Ine kommt nicht auf die Idee, er könne sich 36 000 Fuß über dem Boden befinden. Eher kann sie sich ihn irgendwo draußen in Nordmarka vorstellen. Auf dem Grund eines stillen Waldsees…
Doch Morten sitzt im Flugzeug hoch über den Alpen. Seit einer Stunde sitzt er und starrt den Notausgang an. EXIT. EXIT. Dieses Wort hat er in Gedanken schon viele hundertmal gesagt. Wie ein geheimes Mantra.
Hier sitzt einer, der seinen Ausstieg plant. Seinen Abgang aus Norwegen, aus Ines Leben aus der Geschichte.
Dann setzt das Flugzeug über der Po-Ebene zur Landung an. In Mailand muss er umsteigen.
"Es war ein Rollenspiel. Verstehst du, Magnus? Ich glaube, wir haben uns auf fast überirdische Weise geliebt…"
"Es war jedenfalls nicht schwer zu sehen, dass es etwas ganz Besonderes war."
"Wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn er sich als erster zurückgezogen hätte, wenn er mir nur um eine Sekunde zuvorgekommen wäre, dann hätte ich wie er reagiert. Ich hätte versucht, ihn mit Gewalt zurückzuholen."
"Und er hätte sich noch weiter zurückgezogen?"
"Ja! Glaubst du nicht, dass es möglich ist, an Liebe zu ersticken? Wir brauchen Luft…"
"Er war also das Feuer, und ich die Luft?"
"Vielleicht kann man es so sagen. Ich hoffe, du verstehst…"
"Ich verstehe…"
"Es war ein purer Zufall, dass ich als erste meinen Blick abgewandt habe. Und ich kann seine Verzweiflung verstehen. Wir waren so glücklich miteinander."
"Du darfst dir jedenfalls keine Vorwürfe machen."
"Das tue ich ja auch gar nicht. Es musste einfach so enden."
Aber Morten Dåsvann ist nicht tot. Zum dritten Mal an diesem Tag hebt er von einem Flughafen ab.
Rechts unter sich sieht er Genua, die weiße Märchenstadt sm Golf von Genua. Dann fliegt er hoch über der Toskana, bevor die Rückenlehnen geradegestellt und die Sicherheitsgurte geschlossen werden und das Schild mit der Aufschrift VIETATO FUMARE aufleuchtet. Der Anflug auf Fiumicino hat begonnen.
Auch hier gibt es keine Passkontrolle. In Mailand hat es genügt, mit dem roten Heftchen zu winken.
Morten landet auf dem Leonardo-da-Vinci-Flughafen als Nicht-Person.
Zu Hause in Norwegen suchen Ine und Magnus nach Morten. Ine kennt Morten erst seit einem halben Jahr. Aber sie kennt ihn besser als irgendeinen anderen Menschen. Magnus kennt ihn seit der Schulzeit.
Sie fahren mit der Holmenkollbahn zur Frogneralm. Sie gehen zum Tryvann, erkundigen sich im Haus Tryvannstua. Sie gehen zur Kobberhaughütte, folgen seinen Pfaden. An jedem See bleiben sie stehen und halten ausgiebig Ausschau.
"Irgendwie ist das blöd. Ich habe diese heftigen Gefühle noch nie verstehen können."
"Glaubst du ans Schicksal, Magnus?"
"Nein…"
"Eben, weil Ödipus versucht, dem Schicksal zu entgehen, holt es ihn ein…"
"Das ist Literatur, Ine. Oder Aberglaube."
"An allem ist ein Missverständnis schuld. Er glaubt, vor seinen Eltern zu fliehen. Und damit läuft er ihnen mitten in die Arme."
"Und als ihm die Wahrheit aufgeht…"
"…sticht er sich die Augen aus. Das ist logisch. Im Grunde ist er doch die ganze Zeit blind gewesen."
"Hast du aufgegeben? Glaubst du wirklich, dass er…"
"Ich spüre, dass er verschwunden ist. Ich werde ihn niemals wieder sehen. Hörst du? Er ist nicht mehr da…"
In Fiumicino geht Morten auf den Ausgang zu. Er kauft sich eine Fahrkarte für den Flughafenbus. 4 000 Lire. Dann stellt er sich wieder zu den erschöpften Geschäftsleuten.
Er fährt vorbei an einer Gruppe surrealistischer Kongressgebäude auf der rechten Seite und einigen Müllhalden auf der linken Seite, zum Tiber hin. Dann sieht er vor sich das Kolosseum. Der Bus hält an der Stazione Termini. Er nimmt ein Taxi zur Piazza Navonna. 4 500 Lire.
Es ist sieben Uhr. Die Dämmerung setzt ein. Er geht zu Berninis Fontäne vor Sant'Agnese. Zu dem Lamm mit den vier Strömen.
Hier hat alles begonnen. IM Zirkus des Domitian. Der erste Abend mit Ine. Vom ersten Moment an waren sie miteinander verschmolzen. Vereint zu einem androgynen Wesen.
Nass und kalt verlassen Ine und Magnus beim Nationaltheater die U-Bahn. Sie nehmen ein Taxi zum Polizeigebäude auf Grønland.
"Leider nichts. Aber alle Streifen sind informiert, alle Wachen verständigt."
"Sie haben seinen Wohnungsschlüssel…"
"Nicht weist darauf hin, dass er verreist sein könnte."
Sie schüttelt den Kopf. Wie zur Bestätigung. Morten ist keiner, der vor etwas davon läuft. Er geht immer voll darauf los. Ine und Magnus trennen sich für diesen Abend. Ine trinkt eine Flasche Valpolicella. Und weint, weint.
Er wandert lange auf der Piazza Navona umher. Er kann nicht begreifen, dass er ohne Ine in Rom sein soll. Er glaubt, sie überall zu sehen.
Er geht zum Pantheon. Vor dem Tempel sämtlicher Gottheiten wimmelt es nur so von Touristen.
Er kennt sein Ziel. Von Kopenhagen aus hat er im "Hotel Adriano" angerufen und für eine Woche ein Einzelzimmer bestellt. 40 000 Lire pro Nacht.
Das "Adriano". Ihre erste gemeinsame Nacht in Rom. Ein Pauschalreisender von "Tjaereborg" und eine Pauschalreisende von "Sterne-Reisen" in einem Zimmer. Nach 23.00 Uhr. Die ganze Nacht. Eine ganze Woche.
Süße Küsse. Heftige Umarmungen. Das Hotel war früher einmal ein Kardinalspalast. Süße Sünde.
Und das in einem schnöden Hotelzimmer. Ein Bett und eine Kommode. Anderthalb Handtücher pro Person. Drei Quadratmeter Boden, um sich zwischen Bett, Kommode und dem winzigen Badezimmer zu bewegen.
War das nicht ein Rätsel? Dass sich etwas so Einfaches in ein so facettenreiches Märchen verwandeln konnte? In tausend kleine Kapitel. Denn es war Ines Zimmer…
Sie hatten sich mehr in diesem kleinen Zimmer aufgehalten als draußen in der Weltstadt. In diesem Zimmer gab es mehr zu entdecken. Immerhin waren sie in der Oper gewesen. Für Morten ein ganz neues Erlebnis.
"Tosca". Tosca, die Mario versichert, dass er doch nicht hingerichtet wird. Es wird nur so aussehen. Eine fingierte Hinrichtung. Mit Schreckschussmunition. Er muss so tun, als sei er tot….
Sie stellen ihn vor die Mauer des Castel Sant'Angelo.
Come è bello il mio Mario!
Dann schießen sie, und Mario sinkt zu Boden…
La! Muori! Ecco un artista!
Sie decken ihn mit einem Mantel zu, und Tosca beobachtet das alles aus der Entfernung. Sie ist glücklich…
O Mario, non ti muovere…
Die Soldaten entfernen sich…
Ancora non ti muovere…
Dann sind die Soldaten nicht mehr zu sehen, und Tosca stürzt zu ihrem Geliebten.
Presto! Su, Mario! Andiamo! Andiamo! Su!
Aber Mario steht nicht auf. Scarpia hat sie betrogen. Tosca kniet neben ihrem Geliebten. Bestürzt sieht sie, dass Blut über ihre Hände strömt.
Mario! Mario!
Dann reißt sie den Mantel weg, mit dem er zugedeckt ist.
Morto! Morto!
Sie wirft sich über ihn.
O Mario! Morto? Tu? Così? Finire così? Così!
Melodramatisch. Aber wahr, Morten, wahr. Das Leben ist melodramatisch. Wir werden in ein Märchen geführt. Wir leben, Morten! Hast du dir das schon mal überlegt? Ist das nicht fantastisch? Wir gehen eine Weile zusammen weiter. Wir lieben uns, wir nehmen uns in den Arm. Vielleicht bekommen wir zusammen Kinder… Aber das Leben ist viel zu kurz. Plötzlich, Morten, immer plötzlich werden wir wieder auseinander gerissen…
Morten geht zielbewusst auf das schlichte Hotel auf dem Marsfeld zu. Via Maddalena. Via Metastasio. Er betritt das Foyer. Als sei das das Natürlichste auf der Welt. Als sei er erst letzte Woche zuletzt hier gewesen. Er hofft, dass der Portier ihn nicht wieder erkennt.
"Your passport, please."
Der Pass. Natürlich. Den hat er schon in Fiumicino in Fetzen gerissen und in den Papierkorb geworfen. Er hat ihn vergessen, sagt er. Bei einem Freund, in Neapel. Aber der Pass ist schon unterwegs. Zum Ausgleich kann er vielleicht gleich für die ganze Woche bezahlen? 280 000 Lire. Er hat auf dem Mailänder Flugplatz sein restliches Geld umgetauscht.
Marius Inestad hat schon einmal in diesem Hotel gewohnt. Ob er wohl dasselbe Zimmer haben kann? Trecentoventinove…
Er geht auf den Fahrstuhl zu. Sie scheint bei ihm zu sein. Sein Blut kocht. Sein Herz hämmert. Dann öffnet er die Tür des kleinen Zimmers. Alles ist wie beim letzten Mal. Das Bett, die Kommode, der kleine Tisch…
Nur die Braut ist nicht mehr da.
3. Akt
Morten wohnt eine Woche im "Adriano". Er hat noch sehr viel Geld. Er war immer schon geizig. Und es wäre doch Verschwendung zu sterben, solange sein Geld noch nicht ausgegeben ist.
Dann zieht er in eine billigere Pension im Trastevere um. Einige Wochen vergehen. Sehr langsam erwacht Morten aus seiner Verzauberung.
An den ersten Tagen ist er nur auf dem Marsfeld umhergewandert. Auf den Wegen, die er mit Ine gegangen ist. Pantheon. Piazza Navona. Piazza di Spagna. Fontana di Trevi. Kulissen für eine heftige Verliebtheit.
Er geht zu Sant'Andrea della Valle, wo Mario und Tosca sich im ersten Akt begegnen. Mia sirena… mia gelosa!... Sempre "t'amo!" ti diro!
Er betritt den Corso Vittorio und fährt mit dem Bus Nr. 64 zur Piazza San Pietro. Fährt an der Engelsburg vorbei, die rechts von der Straße liegt. Castel Sant'Angelo. Das Grabmal des Hadrian. Der Hochzeitskuchen. Das Gefängnis.
Castel Sant'Angelo. Wo Mario sterben soll. Wo er den Abschiedsbrief an Tosca schreibt. Wo er die Turmarie singt. E lucevan le stelle ed olezzava… Entrava ella, fragrante… Oh, dolci baci… L'ora è fuggita… E non ho amato mai tanto la vita!
Aber dann bringt Tosca den Freiheitsbrief. Liberi! Einen Passierschein für zwei. Nur für einen Moment sieht er sie wieder. Denn er wird trotz allem hingerichtet. Und Tosca stürzt sich aus dem Turm. Avanti a Dio!
Die Stadt nimmt ihn gefangen. Er studiert Rom. Wo er schon einmal hier ist…
Er spaziert über das Foro Romano. Er hat seine panini und eine Flasche Rotwein mitgebracht. Setzt sich auf den Palatin. Blickt über die alte Stadt.
Einen ganzen Tag verbringt er im Vatikanischen Museum. Den ganzen nächsten Tag widmet er dem Petersdom. Er steht vor Michelangelos Pietà. Maria. Die Mutter Gottes. Die den gekreuzigten Sohn in den Armen hält. Sie ist so schön. Sie ist so rein und jung. Weil sie ohne Erbsünde geboren hat.
Er schafft es auch, Zutritt zur Nekropolis unter dem Petersdom zu bekommen, zur alten römischen Bestattungsstelle. Er gibt sich als promovierter Archäologe aus.
Ein Führer begleitet ihn. Ein frommer Katholik, der ihm die alte Gräberstraße auf dem Vatikanhügel zeigt. Christliche und heidnische Gräber Seite an Seite.
Und hier gibt Morten seinen Entschluss auf.
Der Tod stellt keine Versuchung mehr dar. Er ist hier doch ohnehin auf allen Seiten vom Tod umgeben. Von so viel Leidenschaft. So viel gelebtem Leben.
Warum sollte Morten sterben? Er ist doch schon tot. In Norwegen wird er von niemandem vermisst. Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Morten ist in der Unterwelt. Er ist im Hades. Er ist ein umherirrender Schatten. Er ist ein apokrypher Mensch.
Morten will nicht sterben. Dazu liebt er diese Stadt zu sehr. Dazu liebt er die Erinnerung an Ine zu sehr.
Morten kann zeichnen. Er hat einige Jahre an der Kunst- und Handwerksschule studiert. Er kann die Touristen auf der Piazza Navona zeichnen. Für 10 000 Lire per Porträt.
Er kauft eine Staffelei. Die Geschäfte laufen nicht schlecht. Und er hat noch immer 8 000 Kronen von seinem Studiendarlehen übrig.
So vergeht ein Winter. Morten Dåsvann wird immer mehr zum Römer. Anfangs hat er Angst davor, von irgendwelchen Landsleuten erkannt zu werden. Es ist sicherlich nicht komisch, in Rom einem verstorbenen Freund über den Weg zu laufen.
Er lässt sich einen Bart wachsen. Er hört auf, sich die Haare zu schneiden. Manchmal schminkt er seine Augen. Oder setzt eine Sonnenbrille auf.
Er lernt Italienisch. Eines Tages zeichnet er einen ehemaligen Klassenkameraden, ohne von diesem erkannt zu werden. Da fühlt er sich sicher. Da ist die Metamorphose vollkommen.
Inzwischen sieht er nicht mehr Ine in jeder Frau auf der Piazza Navona. Noch immer widmet er die Vormittage seinen Studien. Er besucht viele Kirchen. Manchmal sieht er Ine in einem Madonnenbild.
Er sieht Ine in Santa Cecilia in Trastevere. Er geht oft in diese Kirche. Er fühlt sich von ihr angezogen. Von der Rokoko-Kirche, die aussieht wie ein Marzipankuchen. Vor dem Altar liegt Cecilia. Lebensgroß. In Marmor gehauen. Den schönen Körper in ein dünnes Tuch gehüllt. Sinnlich, wie es nur der katholischen Kunst gelingt. Ecco femmina!
Katholische Frömmigkeit, eingehüllt in Sinnlichkeit. Oder Sinnlichkeit, eingehüllt in katholische Frömmigkeit. In einen Marzipankuchen.
Wie sehr sie ihm doch fehlt!
Ine, Ine!
Zu Hause in Norwegen liegt Ine auf dem Sofa und weint. Sie wacht morgens auf und schleppt sich in die Küche. Sie klammert sich an den Frühstückstisch. Schlägt die Hände vors Gesicht und weint in ihren Kaffee, der ganz kalt wird. Sie sitzt mit Tränen in den Augen im Bus.
Stunden, Tage, Wochen…
Morten! Seltsamer, verhexter Morten! Woher bist du gekommen? Wohin bist du gegangen?
Wie konntest du… Hast du denn nicht begriffen, dass ich dich geliebt habe?
Ich habe es ja selbst nicht verstanden!
Dann fällt der Schnee. Packt den Herbst in weiche Watte. Verhüllt alle Spuren. Heilt alle Wunden.
Ab und zu trifft sie Magnus. Sie sind jetzt wie Geschwister. Sie hat ihren Geliebten verloren. Und er seinen besten Freund.
Geschwister. So soll es sein. Ine hofft, dass Magnus das versteht. Aber sie spürt, dass er sich etwas anderes erhofft.
Februar. Er beschließt kehrtzumachen. Nach Canossa zu gehen. Er ist bereit, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Er schreibt einen Brief an Ine. Dieser Brief soll einige Wochen vor ihm in Norwegen eintreffen. Das wird alles leichter machen.
"Liebe Ine.
Wenn du diesen Brief aufmachst, verpasse ich dir den zweiten Schock. Setz dich am besten in einen bequemen Sessel. Versuch, alles Traurige zu vergessen.
Ich bin also nicht tot. Der Mut hat mich nicht verlassen. Doch es kommt nicht immer so, wie man es sich gedacht hat.
Ich bin nach Rom gefahren. Hier hat ja schließlich alles angefangen. Und dann ist dort etwas mit mir passiert. Ich war sehr einsam, aber ich habe nicht gelitten. Ich habe so viel an uns gedacht…
Ich schreibe diese Zeilen, um dir den Schock zu ersparen, mir auf der Straße zu begegnen… Ich weiß natürlich auch, dass ich mich bei der Polizei melden muss.
Ich werde dir eine Karte schicken, wenn ich wieder zu Hause bin. Bitte, komm mich besuchen, wenn du magst. Du musst aber nicht. Ich könnte das verstehen. Ihr könnt auch gern beide kommen.
Es ist so viel Zeit vergangen. Ich habe als Künstler und Student gelebt. Und du? Vielleicht hast du geheiratet?
Morten"
Doch Ine bekommt diesen Brief nicht. Sie hat Urlaub. Sie bucht eine Woche Rom. Die Erinnerung an Morten zieht sie dorthin.
Ein wenig widerwillig lässt sie den anderen mitkommen. Sie erklärt ihm aber, dass sie ein eigenes Zimmer haben will. Und sie will in Rom Zeit für sich haben. Aber natürlich können sie mittags und abends zusammen essen…
"Sterne-Reisen". Ine und Magnus springen vor dem "Hotel Adriano" aus dem Bus. Wie die gelernten Weltreisenden. Ob sie Zimmer trecentoventinove haben könnte? Sie… sie habe da schon einmal gewohnt. Vor genau einem Jahr.
Der Portier hält inne und denkt nach. Einige Sekunden lang steht er mit dem Schlüssel in der hand vor ihr, stocksteif.
"Trecentoventinove? Are you sure?"
"Yes, please…"
"Of course. Trecentoventinove."
Sie geht zum Fahrstuhl und schleppt ihren großen Koffer mit sich.
Sie schließt die Tür auf. 329.
Ein Bett, eine Kommode…
Morten! Wie leer doch die Welt ist ohne dich.
Und dann macht sie sich über Rom her.
Morten malt auf der Piazza Navona Touristen. Ine isst im "Tre Scalini".
Morten sitzt auf der Piazza di Spagna und denkt nach. Bereitet seine Heimreise vor. Ine isst im "Caffè Greco" in der Via Condotti Cremeschnitten.
Morten füttert die Tauben auf dem Petersplatz. Ine geht in die Vatikanischen Museen.
Morten überquert den Tiber bei Isola. Ponte Fabricio. Ine besucht den Flohmarkt in Trastevere.
Magnus lässt sie oft allein. Er ist rücksichtsvoll, verständnisvoll.
Sie essen in Trastevere. Sie trinken eine Flasche Barolo. Und Kaffee. Mit Straveccia Branca.
Sie finden den gewohnten Umgangston aus den Wochen vor Mortens Verschwinden wieder.
Dann gehen sie zurück zum Hotel. Sie hat ein paar Flaschen Campari auf ihrem Zimmer stehen. Sechs winzige Flaschen. Ein Gläschen, ehe sie wieder in die Stadt gehen…
Magnus versucht, attraktiv zu sein. Verführerisch. Er möchte, dass sie auftaut. Elektrisiert wird.
Er nimmt sie in den Arm. Er möchte mit ihr schlafen. Er bettelt. Fleht.
Sie wehrt sich.
"Ich habe Nein gesagt, Magnus. Freunde. Gute Freunde. Mehr nicht."
"Er ist tot, Ine. Er kann doch nicht zwischen uns stehen."
"Du bist lieb, Magnus. Furchtbar lieb. Das ist nicht das Problem, aber…"
"Nur einmal, Ine. Nur heute. Danach nie wieder. Wir sind beide einsam. Eine Symbiose, ein Trost für uns beide."
"Nicht hier. Das musst du doch verstehen. Das war unser Zimmer…"
"Komm!"
Er hat so wunderbar viel Wein im Leib. Er hat die Oberhand. Und es ist Frühling in Rom…
"Du spinnst", sagt sie. "Du spinnst total."
Er spritzt ihr Campari ins Haar. Roten, klebrigen Saft. Er lächelt und ist erregt. Der Alkohol gibt ihm die Kontrolle über alles. Er drückt sie aufs Bett.
Und dann nimmt sie ihn in sich auf.
Eine halbe Stunde später setzt sie sich im Bett auf. Peinlich berührt. Innerlich aufgewühlt. Sie kommt sich missbraucht vor. Überlistet. Innerlich aufgewühlt. Sie kommt sich missbraucht vor. Überlistet. Aber es war ebenso ihre Schuld wie seine.
Sie duscht.
"Machen wir jetzt unseren Abendspaziergang?"
"Ja, Magnus… Aber, du…."
"Ja?"
"Irgendwie war es gut. Aber jetzt muss Schluss sein. Versprich mir das, Magnus. Jetzt muss Schluss sein."
"Versprochen."
Er bekreuzigt sich. Als ob Santa Maria ihm dieses Versprechen abgenommen hätte.
Sie gehen durch die Stadt. Zum Pantheon. Via Metastasio. Via Maddalena.
Ine muss daran denken, wie in alten Zeiten im Pantheon Mariä Himmelfahrt gefeiert wurde. Eine als Maria verkleidete Strohpuppe wurde mit einem Flaschenzug durch ein großes Loch im Dach hochgezogen. Dort oben verschwand sie zwischen Tüllwolken und schwebenden Pappengeln.
Halleluja! Halleluja! Jungfrau Maria ist gen Himmel gefahren, und die himmlischen Heerscharen freuen sich!
Naiv. Unvorstellbar naiv. Aber beim Gedanken an diese Zeremonie durchfährt sie ein Schaudern.
Dann gehen sie zur Piazza Navona, Roms Wohnzimmer. Sie lässt ihn seinen Arm um sie legen. Wenn sie mit ihm schlafen kann, wird sie ihm das ja wohl auch zugestehen.
Nachspiel…
Sie erreichen den großen Platz vor Berninis Springbrunnen. Fontana die Fiumi. Sie spazieren um den Springbrunnen herum.
Sant'Agnese. Der ein römischer Soldat die Kleider vom Leibe riss. Woraufhin ihre Haare innerhalb von wenigen Sekunden so lang wurden, dass sie ihren nackten Leib verdeckten. Und sie wurde in ein überirdisches Gewand aus geheimnisvollem Licht gehüllt.
Morten steht hinter der Staffelei. Es ist sein letzter Abend als Straßenmaler in Rom. Am Mittwoch wird er nach Oslo fliegen. "Alitalia" ab Fiumicino, 8.15 Uhr. Bus von der Stazione Termini um 6.30 Uhr.
Er fährt nach Hause nach Norwegen, nach Hause zu Ine…
Sie muss inzwischen seinen Brief erhalten haben. Was sie wohl denkt?
Morten wird zu Hause erwartet. Er kehrt aus dem Hades zurück. Wie Eurydike. Oder wie Lazarus. Nein, das nicht. Dieser biblische Bericht roch doch zu sehr nach Leichen…
Und dann sieht er Ine auf der Piazza Navona!
Er stützt sich auf seine Staffelei.
"Ine!"
Sie geht Arm in Arm mit dem anderen. Eine heiße Welle der Eifersucht durchflutet ihn.
Sicher haben sie inzwischen geheiratet. Doch - sie sind verheiratet. Arm in Arm. Verliebter gehen Hand in Hand, Ehepaare Arm in Arm…
Bestimmt ist sie schwanger, denkt er. Vielleicht sind sie auf Hochzeitsreise…
Ine! Wie konntest du…
Also hat sie seinen Brief doch nicht bekommen. Der Brief und Ine sind über den Alpen aneinander vorbeigeflogen.
Er muss mit ihr sprechen. Er kann nicht nach Hause fahren, ohne mit ihr gesprochen zu haben. Er muss eine Heimkehr ankündigen. Seine Rückkehr. Seinen Aufstieg….
Und verspürt er nicht auch eine ganz leise Hoffnung?
Aber nicht hier. Hier gibt er sich nicht zu erkennen. Nicht, solange der andere dabei ist.
Ine nimmt vor einem Straßenmaler Platz. Es ist Magnus' Idee. Er bezahlt. Er möchte ein Bild von ihr.
Sie kichert aufgesetzt und hat immer noch ein wenig Wein im Leib.
Sie hätte sich ebenso gut vor Morten setzen können…
Ine wird auf der Piazza Navona gezeichnet. Im Zirkus des Domitian. Sie sieht den Straßenmaler an. Eine moderne Ausgabe von Mario Cavaradossi.
"Tosca"…
Mario, denkt sie. Und Morten!
Ine hat nie darüber nachgedacht, dass die Namen sich ein klein wenig ähneln. Warum war ihr das nie aufgefallen? Ich bin wirklich dumm, denkt sie.
Morten steht einen Katzensprung entfernt hinter seiner Staffelei. Er hat keine Angst, sie könnte ihn erkennen. Nicht auf diese Entfernung. Nicht hinter der Staffelei. Nicht mit langen Haaren und Bart. Und schließlich rechnet niemand damit, auf einem Platz in Rom einem Verstorbenen zu begegnen.
Und dann zeichnet er sie. Morten steht im Zirkus des Domitian und zeichnet Ine. Es ist genau ein Jahr her, dass dieser Platz ihnen beiden gehört hat. Diese Stadt. Dieses Leben.
Er zeichnet sie als Munchs "Madonna". Mit raschen Strichen. Kühn. Sinnlich.
Morten ist jetzt inspiriert. Ein Damm ist gebrochen. Es war ein langer Winter.
Die Menschen scharen sich um ihn. Viele Menschen.
Wen zeichnet er eigentlich? Dieser Mann zeichnet ohne Modell.
"Beautiful, signore. Really artistic…"
"Bravo!"
"Ecoo un artista!"
Morten ist in dämonischer Stimmung. In ihm wütet ein Sturm. Und dann wird er traurig. Jetzt stehen ihm die Tränen in den Augen. Er weint.
Niemand sagt etwas.
Unten in der linken Ecke. Wo Munch ein Skelett gemalt hat. Oder einen Embryo. Oder beides. In dieser Ecke zeichnet Morten sich selbst. Kauernd auf Knien.
Dann ist er fertig. Er zieht einen Kugelschreiber und ein Stück Papier hervor.
"Ine. Ich bin hier. Verzeih mir. Aber es liegt nicht nur an mir. Ich habe nicht mehr alles unter Kontrolle. Alles ist so logisch. Es musste so kommen. Ich muss mit dir sprechen, Ine. Im Castel Sant'Angelo. Oben im Turm, Ine. Morgen um 12.00 Uhr. Hab keine Angst. Aber komm allein. Versprich mir das. Ich werde nichts kaputtmachen.
(Früher dein) Morten."
Er faltet das Blatt zusammen. Schnappt sich einen Jungen. Gibt ihm einen Fünftausend-Lire-Schein. Zeigt auf Ine.
"La signora…"
"Sì, sì. Grazie, signore."
"Prego, prego."
Dann verlässt er den Platz. Die Staffelei mit der Madonna lässt er stehen. Noch immer drängt sich davor die bewundernde Menge. Niemand wagt, die Madonna anzurühren.
"Ein Meisterwerk!"
"In fünf Minuten!"
"Habt ihr gesehen, dass er geweint hat?"
"Ein wirklicher Künstler!"
Ehe er den Platz verlässt, dreht er sich um und sieht, dass ihr der Brief überreicht wird. Dann geht er über den Corso Vittorio, über den Campo de'Fiori, durch das Judenviertel, über den Ponte Garibaldi und zurück in die Pension.
Ine, Ine!
"Scusi… Signora, una lettera."
"Come dice?"
"Ecco."
"Grazie…"
Sie faltet den Brief auseinander. Und springt von dem kleinen Hocker auf, auf dem sie sitzt.
"Morten, Morten!"
"Lasst mal sehen, Ine. Das muss ein Missverständnis sein."
"Nein, nein. Das ist seine Schrift. Das sehe ich, Magnus. Das weiß ich. Er ist die ganze Zeit hier gewesen. In Rom…"
"Komm!"
"Ich habe Angst. Ich habe so schreckliche Angst."
Dann gehen sie. Sie bezahlen für ein halbfertiges Portrait, das Magnus aufrollt und sich unter den Arm klemmt.
Wenn sie sich auf dem Platz umgesehen hätten, dann hätten sie die vielen Menschen vor der Staffelei entdeckt.
Einige Stunden später ist die Piazza Navona menschenleer. Aber Mortens Madonna hängt noch immer an der Staffelei vor Sant'Agnese.
Am nächsten Morgen erwacht Morten ganz früh. Vor dem Schlafengehen hat er seine Uhr eine Stunde vorgestellt.
Sommerzeit…
Auch, als er zuletzt in Rom war, mit Ine, hatten sie die Uhren eine Stunde vorgestellt.
"Sommer…" Sie hatten den Sommer gefeiert wie eine Verlobung.
Morten ist im Hades gewesen, im Totenreich… und heute wird er Ine treffen. Er hat nie begriffen, warum alles so enden musste. Das ergab doch keinen Sinn. Irgendwo musste ein Fehler stecken. Es musste einen Weg zurück geben.
Er räumt sein Zimmer auf, duscht, frühstückt. Dann geht er in die Stadt.
Morten hat sich seit dem vergangenen Herbst weder rasiert noch die Haare schneiden lassen. Jetzt geht er zum Friseur. Heute wird er Ine treffen. Und sie soll ihn so sehen, wie er damals war…
"Buon giorno, signore. Barba?"
"Sì, grazie."
"Anche i capelli?"
"Sì…"
Dem Friseur rutscht die Hand aus. Er ritzt Morten mit dem Rasiermesser die Wange auf.
"Scusi, scusi!"
"Spielt keine Rolle, signore."
Blut.
Mit römischer Sorgfalt wischt der ungeschickte Friseur Morten das Blut von der Wange. Und klebt ein Pflaster darauf.
Ine wird nüchtern. Sie bleibt die ganze Nacht wach.
Trecentoventinove… Sie schaut aus dem Fenster. In einen Hinterhof.
Wie konnte er sie einfach so verlassen? Wie konnte er in Rom ein halbes Jahr ohne sie leben? Ohne zurückzukommen, ohne einen Brief zu schreiben?
Doch hatte nicht sie ihn zuerst im Stich gelassen?
Sie konnte nicht damit rechnen, ihn zurückzubekommen. Ein halbes Jahr. Sicher hatte er inzwischen eine neue Freundin. Vielleicht hatte er im Istituto di Norvegia einen Sprachkurs gemacht. Und in Rom gab es immer eine norwegische Kolonie. Oder einen skandinavischen Verein.
Eine Kunststudentin… Oder eine echte Römerin. Oder ein Mädchen aus der Provinz. Morgen wird sie ihn sehen. Wenn es doch nur endlich Tag würde.
Morten, Morten!
Er geht durch die Stadt.
Santa Cecilia. Die Braut Christi, die unter Kaiser Marc Aurel zum Tode in einem überhitzten Dampfbad verurteilt wurde. Die fünfzehnhundert Jahre später aufgefunden wurde. Da sah der Körper der jungen Frau aus, als sei sie eben erst eingeschlafen. Unversehrt. Wie eine Jungfrau in ihrem Bett. Santa Cecilia. Die die Orgel erfunden hatte. Sie hatte den Gesang der Engel gehört. Und dann wurde ihr die Kraft zuteil, ein Instrument zu bauen, das diese himmlische Musik nachahmen konnte…
Ponte Cesto. Isola. Ponte Fabricio…
Er erreicht den Campo de'Fiori, die "Blumenwiese", wo Giordano Bruno im Jahre 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, weil er behauptet hatte, das Universum sei unendlich… Heute ein Markt für Fische, Fleisch und Gemüse. Grüne, saftige Feigen. Und große weiße Kuhmägen. Eine Delikatesse. Und abends der Treffpunkt der römischen Junkies.
Dann folgt er dem Corso Vittorio. Vorne rechts sieht er die Engelsburg. Castel Sant'Angelo. Es ist fast zwölf Uhr. Einige der Uhren, an denen er vorbeikommt, sind noch nicht umgestellt worden. Auf einigen ist es erst kurz vor elf.
Es ist acht. Ine ist gerade erst eingeschlafen. Und nun klingelt der Wecker.
Sie zieht sich an, geht hinaus auf die Straße, setzt sich in eine Bar.
"Caffè nero, per favore. E un panino."
Wie soll sie die lange Wartezeit herumbringen?
Nachdem sie den Kaffee getrunken und ihr Brötchen gegessen hat, fährt sie mit einem Taxi zum Petersplatz. Die könnte einen kleinen Spaziergang machen. Vielleicht schafft sie ja auch noch einen Abstecher in den Petersdom. Auf jeden Fall ist sie schon mal auf dem richtigen Tiberufer.
Morten ist auf den Turm des Castel Sant'Angelo gestiegen. Es ist fünf vor zwölf. Er hat einen genauen Treffpunkt angegeben. Morten und Ine sind schon einmal hier gewesen. Er ist sicher, dass sie kommen wird. Man lässt sich doch nicht die Gelegenheit entgehen, jemanden zu treffen, der erst kürzlich aus dem Totenreich zurückgekehrt ist.
Castel Sant'Angelo. Ursprünglich das Grabmal Kaiser Hadrians. Kaiser Hadrian, der an Wassersucht gestorben war. Er musste entsetzlich leiden, und er versuchte, seine Sklaven zu bestechen, damit sie ihm die Stell unter dem Herzen zeigten, wo ein rascher Messerstich den Tod bringen würde.
Ehe er starb, schrieb er seine "Botschaft an die Seele".
Kleine zärtliche Seele,
Gast und Gefährtin des Leibes,
wohin wirst du jetzt gehen,
bleich, starr, nackt,
und nicht mehr wie sonst scherzen.
Die Engelsburg. Die aussieht wie ein Hochzeitskuchen. Morten und Ine sind auf der Spitze eines Hochzeitskuchens verabredet.
Pah! Sie ist wohl doch verheiratet. Wie grausam ungerecht das Leben doch ist!
Ine, Ine - kommst du bald? Es ist fünf nach zwölf. Morten wird langsam unruhig.
Es ist fünf nach elf. Ine hat noch viel Zeit bis zu ihrer Verabredung mit Morten. Sie steht unter der riesigen Kuppel des Petersdoms. Die Buchstaben dort oben, die sie von hier unten aus gerade so erkennen kann, sind zwei Meter hoch. In einer großen Kathedrale fühlt man sich sehr klein. Wie ein Kind unter der Vorsehung des gewaltigen Gottes.
Morten wartet auf dem Turm auf seine Geliebte. Es ist gleich Viertel nach zwölf… Es ist halb eins. Ine, Ine! Warum kommst du nicht?
Sie verlässt den Petersdom und geht langsam, aber zielbewusst durch die Via della Conciliazione, den "Weg der Versöhnung", der vom Petersplatz zur Engelsburg führt.
Der Weg der Versöhnung. Ob es auch für sie und Morten eine Versöhnung gibt?
Es ist zwanzig vor eins. Warum kommt sie nicht? Morten ist jetzt richtig nervös. Darauf war er nicht vorbereitet. Ine, Ine - warum hast du mich verlassen?
Und dann geht ihm die Wahrheit auf. Ine und Magnus haben geheiratet. Sie sind auf der Hochzeitsreise. Sie wollen sich ihre Flitterwochen nicht von einem Eindringling aus dem Totenreich ruinieren lassen. Man geht nicht während einer Hochzeitsreise zu einem Rendezvous mit einem alten Geliebten. Nicht einmal, wenn der noch so lange tot gewesen war.
Es war ja auch etwas naiv gewesen. Wie hat er denn glauben können, Ine wolle sich hier mit ihm treffen? Er hat ihr sicher ohnehin schon viel zu viele Schuldgefühle aufgeladen!
Es wäre besser gewesen, wenn er damals im September alles beendet hätte. Er hätte abdanken, aus dem Weg treten müssen. So hätte es das Gesetz der Natur gewollt…
Morten fasst einen Entschluss. Er kann nicht für den Rest seines Lebens an einer Frau hängen, die ihn nicht liebt. Wie ein Übriggebliebener. Wie eine Niete in der großen Lotterie.
Wie ein Quälgeist…
Schon als Kind hatte Morten immer ein scharfes Fahrtenmesser am Gürtel hängen. Jetzt weiß er, warum. Jetzt weiß er, wozu das Messer gut ist. Er hat die Tage für sich gehabt, die er haben wollte. Im Vorhof, im Limbus…
Plötzlich erscheint ihm alles ganz logisch. Er wäre nicht der erste, der auf der Engelsburg stirbt.
Er glaubt, Marios Turmarie zu hören:
…Und es blitzten die Sterne,
Und es dampfte die Erde,
Die Tür des Gartens knarrte,
Es nahten sich eilige Schritte…
Sie kam wie eine Gottheit…
Und sie sank an die Brust mir…
O süßer Küsse schwelgerisches Kosen,
Wenn ich entschleiert ihrer Formen Reize!
Für immer ist der Liebesrausch verflogen!
Die Stund' enteilt, nun sterb' ich in Verzweiflung!
Und liebte niemals noch so sehr das Leben!
Ine schaut in der Via della Conciliazione auf eine Uhr. 12.45 Uhr. Sie fährt zusammen, blickt auf ihre eigene Armbanduhr, hält einen vorüberkommenden Pater an, fragt in ihrem unsicheren Italienisch nach der Uhrzeit, zeit ihm ihre eigene Uhr.
"Es ist Viertel vor eins, Signorina. Es ist Sommerzeit. Haben Sie das nicht gewusst?"
Haben Sie das nicht gewusst? Natürlich ist jetzt Sommerzeit. Es wird immer Sommer, wenn Ine und Morten in Rom sind. Ein Missverständnis. Ein Irrtum.
Morten, Morten! Ich komme doch hoffentlich nicht zu spät? Du stehst doch wohl noch auf dem Turm und wartest auf mich?
Ine stürzt auf das Castel Sant'Angelo zu. Hoch oben auf dem Turm sieht sie viele Menschen stehen. Und ist das da ganz links nicht Morten?
Come è bello il mio Mario!
Es ist fast ein Uhr. Morten tritt dicht an den Erzengel heran. Dann zieht er das Messer aus der Scheide. Kraft und Entschlossenheit erfüllen ihn. Er kann es alleine schaffen. Er ist nicht Kaiser Hadrian. Er braucht nicht die Hilfe der Sklaven, um zu sterben.
Zuerst schneidet er sich den Puls auf. Dann stößt er sich unter dem Herzen das Messer in die Brust und wirft sich darauf.
Ine kommt in die Arena gestürzt. Sie ahnt Böses. Sie sieht, wie die Menschenmenge unter dem Erzengel Michael zusammenströmt.
Sie bahnt sich einen Weg. Ein Aufseher… zwei Aufseher… und ein Polizist. Sie beugen sich über einen Menschen.
"Morto, signore, morto…"
Ine kniet vor ihm nieder.
"Steh auf, Morten! Hörst du mich nicht, steh auf!"
"Morto, morto!"
Sie wirft sich über ihn.
"Morten, um Himmels willen!"
Sie hebt die Arme.
"Es war doch bloß ein Missverständnis. Ein Irrtum…"
"Sie kennen ihn, Signorina? Sie wissen, wer er ist?"
Sie weint, schaut zum Polizisten hoch. Er fasst sie am Arm.
"Wissen Sie, wie er heißt?"
"Si, si… Mario. Mario Cavaradossi."
Und jetzt kommt der andere dazu.
Er legt den Arm um sie.
"Er ist tot, Ine. Komm."
Sie blickt ihn voller Kälte an. Starr und kalt.
"Es ist zu Ende, Ine, es ist zu Ende…"
Sie macht sich von ihm los.
"Noch nicht, noch nicht wirklich."
Sie geht jetzt voll in ihrer Rolle auf. Irgendetwas scheint sie emporzuheben. Sie weiß, was sie zu tun hat. Sie hat die Rolle einstudiert. Das Libretto kann sie aus dem Ärmel schütteln.
Sie rennt zum Vorsprung, steigt auf das Geländer.
"Ine, was tust du da? Bleib stehen, Ine! Bist du verrückt…?"
"Avanti a Dio!"
Und dann lässt sie sich fallen und stürzt auf den Ponte Sant'Angelo und das Tiberufer zu. In diesem Moment wird zu Hause in Oslo ein Brief in ihren Briefkasten geworfen.
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